Rheintour Blog

Meine Tage in der Abtei St. Hildegard in Eibingen bei Rüdesheim. Teil 3

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Es ist mein zweiter Tag im Kloster und mein erster Morgen dort. Ich schaue aus dem Fenster auf den Innenhof und blicke zum Himmel hoch. Stahlblauer Himmel, keine Wolke ist zu sehen! “Oh,” sage ich mir, “nichts wie raus, ich möchte so gerne den Sonnenaufgang erleben”. Schnell Zähneputzen, duschen wird verschoben, Klamotten an und in freudiger Erwartung einen grandiosen Sonnenaufgang zu erleben, gehe ich mit strammen Schritten zum ” 24 Stunden-Eingang”. Trotz des schnellen Schrittes bleibt mein Puls ruhig, ich schwebe geradezu auf der Wolke des Glücks und der förmlich zu spürenden Entschleunigung.
Ich trete aus der Tür raus, links die Kirche mit den zwei mächtigen Glockentürmen, geradeaus die Natursteinmauer, darüber der wolkenlose Himmel. Ich gehe nach rechts, um zu der kleinen Freifläche zu kommen, von der aus man einen unbeschreiblich schönen Blick in das Rheintal hat und der Horizont geradezu endlos erscheint. Mein Blicke geht nach links, also nach Osten und – MIST! Eine große Regenwolke hat sich dort festgehalten. “Sehr ärgerlich”, denke ich. Gerade jetzt, wieso ist die nicht eine halbe Stunde eher weggezogen? Es wird also nicht mit dem erhofften Sonnenaufgang hinter den großen Flächen der Weinberge. Ich setze mich auf die Bank, blicke ins Tal, atme die frische, leicht kühle Luft tief ein und schon beginnen meine Endorphine einen Freudentanz zu veranstalten. Die Entspannung ist wirklich grandios. Ich kann es jedem nur empfehlen sich solche Freiräume zu schaffen. Kein Zivilisationsgeräusch stört für ein paar Minuten meine Gedanken, zahlreiche Vögel beginnen den Tag mit fröhlichem Gesang, ich fühlte mich selten der Natur so nahe. Mein Blick geht über den Donnersberg über Bingen, Richtung rheinabwärts. Ich entdecke den wohl durch die Nachtschicht bleich guckenden Vollmond und genieße den Anblick. Ich habe den Eindruck, er blickt mit seinem durch Meteoriten verursachten Narbengesicht nach Osten, um anscheinend der Sonne den Staffelstab zu übergeben, damit der Tag beginnen kann.
Nicht nur meine Blicken schweifen über den Horizont, meine Gedanken folgen den Augen, blicken aber nicht an den Horizont, sondern in die Vergangenheit. Was hatte ich mir von meinem Leben erhofft, was habe ich erreicht, wo habe ich versagt oder was ist mir vergönnt geblieben und was möchte ich noch erleben? es kommt mir vor wie eine Bilanz – Hauptversammlung der Gedanken, meiner Seele, meines Herzens, denn jeder trägt etwas dazu bei, Bilanz zu ziehen, nicht endgültig, sondern als Zwischenbilanz mit Gewinn- und Verlustrechnung. Das Ergebnis fällt nicht schlecht aus und ich habe das Gefühl eine ordentliche Rendite eingefahren zu haben, aber was im Soll und was im Haben zu verbuchen ist, bleibt mein Geheimnis.
Ein junges Kätzchen stört plötzlich meine Kreise. Es läuft langsam über die Wiese und macht einen entspannten Eindruck. Ich habe den Eindruck, das Kloster hat eine Art Absorberschirm, der allen Ärger, alle Ängste und alles Böse von Mensch und Tier abhält. Vielleicht bin ich im Paradies und habe es bisher gar nicht gemerkt? Ich gucke ich um, ob ich einen Apfelbaum sehe. Es gibt nur Reben und ein paar Laubbäume – zum Glück, bedeutet es doch im  Umkehrschluß: Wenn das hier das Paradies ist und es gibt keinen Apfel, dann kann ich auch nicht vertrieben werden  oder? Ich genieße den Moment, zu glauben, ich sei im Paradies –  diese Illusion gefällt mir sehr gut, macht mich unbeschwert und fröhlich.
Das hat sich an mich herangewagt, reibt sich unter leisem Schnurren an meinem Bein. einen leichten Buckel machend. Ich schnurre zurück, aber wohl in der falschen Tonlage, denn die Mietze verschwindet kurz darauf in Richtung Weinberg. nun bin ich wieder alleine und ohne Ablenkung mit meinen Gesellschaftern “Gedanken”, “Seele” und “Herz” und die Gesellschafterversammlung geht für einen Moment weiter, wobei der Shareholder “Gedanke” sich zu Wort gemeldet hat und eine Gedenkminute verlangt, die wir ihm auch einräumen.
Ich gucke in die Richtung, in die das Kätzchen verschwunden ist. In diesem Moment taucht es auf und hat eine kleine Feldmaus im Maul. Geschäftig, mich nicht beachtend, läuft sie an mir vorbei und legt sich ca. 5 Meter von mir entfernt auf die Wiese. Sie beginnt mit ihrer Beute zu spielen. Manche Spiele der Natur sind böse, denke ich. Sie lässt die Maus laufen, in der Hoffnung, sie könne sich retten – schwupps springt die Katze hinter ihr her, aus der Traum, weiterleben zu dürfen. Sie spielt nun mit dem kleinen Tier zwischen ihren Pfoten. Plötzlich lässt sie sie wieder laufen und ich habe den Eindruck, sie grinst vor Freude,genießt das teufliche Spiel. Die Maus läuft ca. 1 Meter weg, dann springt die Katze hoch und stürzt sich auch 50cm Höhe auf ihr Spielzeug, das nun endgültig kaputt ist. Ich habe den Eindruck, dass sie es bedauert, nicht mehr länger mit dem Leben des kleinen Nagers spielen zu dürfen. Sie nimmt ihn ins Maul und trabt davon.
Mittlerweile steht die Sonne schon am Himmel, die Kondensstreifen der Flugzeuge bilden ein Kreuz, was wirklich so war. Ein Zeichen des Himmels, denke ich und gucke auf die Uhr. Es ist kurz vor 7 und ich packe meine Sachen zusammen und gehe auf mein Zimmer, duschen, rasieren und umziehen, denn das Frühstück wartet.

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