Aufbruch unter grauem Himmel
Der Himmel hängt tief über dem Wispertaunus, als ich Ende Oktober loslaufe. Kein Blau, kein Schatten, nur dieses gleichmäßige Grau, das die Farben des Herbstes umso lauter macht. Der Wispertrail beginnt für mich auf der Höhe, dort, wo Wiese und Wald sich noch nicht entschieden haben, wem das Land gehört.
Lichter Hangwald am Anfang der Tour: Moos im Gras, dazwischen ein abgestorbener Stamm, dessen Rinde in hellen Fetzen abblättert.

Bald öffnet sich zwischen knorrigen Eichen der erste Blick in die Tiefe. Das Tal liegt noch weit unten, die gegenüberliegenden Hänge leuchten gelb und rostrot.
Durch die Eichenkronen ahnt man das Wispertal – noch ist es nur ein Versprechen.

Am Wegrand liegt, was der Wald sich zurückgeholt hat: ein Hochsitz, umgestürzt mitsamt dem Baum, an dem er lehnte. Die Leiter zeigt ins Leere.Ein Hochsitz, der niemandem mehr Ausblick gibt – vom fallenden Stamm mitgerissen.

Dann ein Bild wie nach einer Schlacht. Hinter dem Weidezaun ist die Grasnarbe in Fetzen gerissen, Soden liegen kreuz und quer. Das waren keine Maschinen; vermutlich hat hier eine Rotte Wildschweine in einer einzigen Nacht nach Engerlingen gesucht.

Umgegrabene Weide am Waldrand – der Taunus hat nachts andere Bewohner als tagsüber
Der Weg taucht in einen Buchenwald, die Stämme schlank und hoch wie Säulen. Das Laub liegt so dicht, dass der Pfad nur noch zu erahnen ist; jeder Schritt raschelt.

Buchenhallen: Der Weg verschwindet unter einem kupferfarbenen Teppich.
Am Hang kündigt sich das Tal immer öfter an. Zwischen den Stämmen schimmern Felder, ein abgebrochener Ast liegt quer wie ein gestürzter Riese, die Bruchstelle noch leuchtend orange. Frisches Totholz am Waldrand – das helle Holz verrät, dass der Ast erst kürzlich gefallen ist.

Dann die erste Bank: ein halbierter Baumstamm, grob gezimmert, und davor nichts als Tal. Die Hügel staffeln sich hintereinander, jede Reihe ein wenig blasser als die vorige. Ich setze mich und tue eine Weile nichts.
Rastbank aus Rundholz: Der Blick reicht über mehrere Taunusrücken. Die zweite Bank übertrifft die erste. Sie steht auf einer Kanzel aus Schiefer, umrahmt von Eichen, deren Laub in Gold und Kupfer brennt. Tief unten windet sich das Wispertal, und man versteht, warum es als eines der schönsten Seitentäler des Rheins gilt. Der schönste Platz des Tages: die Bank auf der Schieferkanzel, darunter das Wispertal im Herbstkleid.
Kurz danach steht ein toter Buchenstamm, oben abgebrochen, mit einem dunklen Loch in Brusthöhe. Ein Specht hat hier gezimmert.
Ein abgestorbener Stamm mit Spechthöhle, davor bemooste Äste – Totholz ist Wohnraum.
Der Pfad wird steiniger. Schieferfelsen treten aus dem Hang, bewachsen mit Farn und Moos, die Schichten schräg gestellt wie die Seiten eines aufgeschlagenen Buches.
Schieferfels mit Farnen – das Grundgestein des Taunus liegt hier offen.

An einer Buche hängt ein kleines Schild, das mich stehen bleiben lässt: „Blidenplatz“. Bis zur Ruine Lauksburg sind es von hier rund 350 Meter, bei 80 Metern Höhenunterschied. Eine Blide, erklärt das Schild, war eine mittelalterliche Steinschleuder. Ich stelle mir vor, wie hier oben eine Wurfmaschine stand und ihre Steine hinab zur Burg schickte.

Der Blidenplatz: Hinweis auf die mittelalterliche Steinschleuder und die Entfernung zur Lauksburg.
Die Laukenmühle selbst wurde vermutlich im 12. Jahrhundert erbaut und sitzt auf einem Bergsporn rund 50 Meter über dem Tal. Schon im 16. Jahrhundert galt sie als Ruine. Sie gehörte zu Kurmainz und schützte wohl vor allem die Mühle zu ihren Füßen; noch heute steht unten die Laukenmühle.
Weiter unten wird der Wald beinahe zum Park. Eine breite Steintreppe, von Moos gestreift, steigt durch das Laub, als warte oben noch ein Herrenhaus. Was hier einmal war, verrät kein Schild; die Treppe führt ins Nichts, und gerade das macht sie so schön.

Moosgestreifte Steintreppe unter Birken – Überrest einer früheren Anlage.
Wenig später öffnet sich ein Torbogen aus Bruchstein auf eine Allee. Kastanienblätter treiben durch das Tor, als wäre es nur für sie gebaut, dahinter ein laubbedeckter Weg.

Abstieg ins stille Seitental
Am Fuß der Felsen liegen Schieferplatten, herausgebrochen wie lose Buchseiten, halb vergraben unter Ahornblättern. Der Stein zerfällt hier in Lagen, Jahr für Jahr ein wenig mehr. Abgeplatzte Schieferplatten am Felsfuß, zugedeckt vom Herbstlaub.

Dann öffnet sich ein Seitental. Der Talboden ist verwildert, Brombeeren und Kräuter haben ihn übernommen. Am Gegenhang bricht eine Felswand aus dem Wald. Verwilderter Talgrund, am gegenüberliegenden Hang ein Felsabbruch. Hier unten ist es still. Kein Motor, kein Gespräch, nur das Knacken von Zweigen. Ein vermoderter Stamm liegt quer am Weg, rechts steigt der Fels steil an. Im Tal: dichter Bewuchs, rechts der felsige Hang, vorne ein alter Stamm.


Der Hang daneben fällt steil in eine Rinne ab. Der Wald wirkt licht und zugleich undurchdringlich, ein Gewirr aus dünnen Stämmen. Steiler Hangwald mit einer Rinne in der Tiefe.
Noch einmal begegnet mir die Arbeit eines Spechts: eine frisch gehackte Höhle, die Ränder hell und sauber, darunter feine Fraßgänge von Käfern. Totholz, das so viel Leben beherbergt, ist vielleicht das stillste Wunder dieses Tals.

Nahaufnahme der Spechthöhle; das helle Holz am Rand zeigt, dass sie neu ist.
Zum Schluss leuchtet zwischen dem Grün das blaue Schild mit der geschwungenen Linie, die Markierung des Wispertrails. Es scheint zu sagen: Du bist richtig. Und das bin ich.

Diese und mindestens 15 weitere, wunderschöne Wanderungen mit viel Informationsmaterial stehen in diesem Buch:

Ich wünche euch viel Spaß